Projekt Lehrergesundheit

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Förderung der Gesundheit von Lehrerinnen und Lehrern durch Coaching

Vor dem Hintergrund wachsender und komplexer werdender Anforderungen an Schule fühlen Lehrer sich immer öfter gestresst und nicht in der Lage, die Belastungen des beruflichen Alltags zu bewältigen. Auf der individuellen Ebene werden dafür vor allem mangelnde Kompetenzen im Bereich der Kommunikation, des Selbstmanagements und der Teamarbeit angesehen. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen diesbezüglich die Effektivität von Coaching zur Verbesserung individueller Copingstrategien.

Im Projekt „Primärprävention und Gesundheitsförderung im Setting Schule“ kamen Maßnahmen der Gesundheitsförderung für Lehrer ein besonderes Gewicht zu, denn nicht zuletzt basiert das Konzept einer gesundheitsfördernden Schule auch auf den Gesundheitsressourcen von Lehrern. Im Rahmen des Projektes wurden Prozesse der Schulentwicklung mit Maßnahmen der Personalentwicklung verbunden und in diesem Zusammenhang über den Zeitraum eines Schuljahres ein Coaching-Konzept für Lehrer pilothaft erprobt.

Das Coaching-Konzept sah das Angebot eines individuellen Coachings vor, welches auf die Erhöhung der Widerstandskraft gegenüber Belastungen des beruflichen Alltags, die Erhöhung der Kompetenzen zur Bewältigung beruflicher Anforderungen und die Entwicklung sowie Stabilisierung gesundheitlicher Ressourcen zur Steigerung des gesundheitlichen Wohlbefindens abzielte. Eine pädagogische Beratung im Sinne einer Fachberatung war vom Coaching ausgeschlossen. Das Angebot war auf ein Schuljahr begrenzt und sah pro Person sieben bis neun Sitzungen für jeweils 1 bis 1½ Stunden vor. Das Coaching-Konzept wurde im Rahmen von Lehrerkonferenzen an vier Projektschulen vorgestellt. Das Anmeldeverfahren wurde für die Lehrerinnen und Lehrer anonym gestaltet.

Als empirische Datengrundlage und Ausgangsbasis, aber auch im Sinne eines Vorher-Nachher-Designs zur Evaluation der Maßnahme wurde das Instrument AVEM „Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster“ eingesetzt. AVEM zielt auf die Erfassung relativ stabiler Verhaltens- und Erlebensmuster in der Auseinandersetzung mit beruflichen Anforderungen ab. Es wird angenommen, dass diese Merkmale einerseits durch die in den Beruf eingebrachten Besonderheiten der Persönlichkeit bedingt sind und andererseits durch die Berufsausübung geformt werden. Entsprechend sind von ihrer Ausprägung in hohem Maße die Verarbeitung beruflicher Belastungen und damit die Entstehung positiver und negativer Beanspruchungsfolgen abhängig. In diesem Sinne werden „Arbeitsbezogene

Verhaltens- und Erlebensmuster“ als Indikatoren von Gesundheit verstanden und können der Herleitung gesundheitsbezogener Interventionen dienen.

Das Merkmalsspektrum des AVEM basiert auf elf Persönlichkeitsdimensionen, die den drei inhaltlichen Bereichen „Arbeitsengagement“, „Widerstandskraft“ und „Emotionen“ zugeordnet werden. Im Ergebnis der Betrachtung des Zusammenspiels der einzelnen Dimensionen ermöglicht AVEM eine Unterteilung in vier gesundheitsfördernde (Muster G und S) bzw. Risikomuster (Muster A und B) mit unterschiedlichen Ausprägungen (vgl. Abb.1).

Muster G
Hohes Engagement,
hohe Widerstandskraft,
positives Lebensgefühl
Muster S
Schonungstendenz,
hohe Widerstandskraft,
positives Lebensgefühl
Risikomuster A
Überhöhtes Engagement,
reduzierte Widerstandskraft,
eher negatives Lebensgefühl
Risikomuster B
Geringes Engagement,
reduzierte Widerstandskraft,
negatives Lebensgefühl

Eine „reine“ Musterzugehörigkeit kommt jedoch nur in ca. 20% der Fälle vor. In der Mehrzahl der Fälle liegen die Musterkombinationen G/S, G/A, S/B und A/B vor. Das Verfahren sieht in diesen Fällen eine tendenzielle Musterzuordnung je nach Ausprägungsstärke der Musteranteile vor.

Der Ablauf des Coaching folgte in der Regel einem einheitlichen Vorgehen. Die erste Sitzung diente der Klärung gegenseitiger Erwartungshaltungen und Zielvorstellungen sowie der Identifizierung von Ressourcen und Entwicklungsbereichen basierend auf der Auswertung des AVEM. Die eigentliche Arbeitsphase erstreckte sich über die folgenden Sitzungen und beinhaltete die Erarbeitung von Veränderungsbedarf, daraus resultierender Ziele, möglicher Lösungswege und konkreter Umsetzungsschritte (vgl. Tab.1). Inhalt der letzten Sitzung waren die abschließende Auswertung des AVEM sowie die Reflexion des Coaching-Prozesses und der Zielerreichung.

Insgesamt nahmen sechzehn Lehrerinnen das Coaching-Angebot wahr (30-39 Jahre n=7; 40-49 Jahre n=3; 50-59 Jahre n=5). Nach dem Erstgespräch haben fünf Teilnehmerinnen das Coaching wegen zeitlicher Überlastung, Schwangerschaft, fehlendem Coaching-Bedarf oder ohne Angabe von Gründen abgebrochen. Die verbleibenden Teilnehmerinnen nahmen zwischen drei und zehn Coaching-Sitzungen wahr.

Zu den vorherrschenden Anliegen der Teilnehmerinnen gehörten folgende Themen: Kommunikation, Konfliktklärung, Eigenwahrnehmung, Eigenfürsorge, Arbeitsbelastung, Emotionale Reaktionen, Entlastung, Reflexion, Selbstmanagement, Zeitmanagement sowie Therapiebedarf. Zu den zehn am häufigsten angewendeten Methoden zählten Reflexion, Transaktionsanalyse, Prioritätensetzung, Resümee, Feedback, Nachrichtenquadrat, Rollenspiel, Innere Stimmen, Kosten-Nutzen-Analyse und Pro- und Contraliste.

Tab.1: Fallbeispiel (53 Jahre, Schulleitung, Muster A)

Merkmalsausprägungen Interventionsansätze
Exzessive Verausgabung
  • Entspannungs- und Kompensationstraining
  • Relativierung von Ansprüchen
  • Nein-Sagen lernen
  • Relativierung des Stellenwertes der Arbeit gegenüber den anderen Lebensbereichen
  • Wahrnehmung und Pflege vorhandener Ressourcen
Selbstüberforderung
Eingeschränkte Distanzierungsfähigkeit
Einseitige Betonung der Arbeit
Entspannungsunfähigkeit
Gute Soziale Unterstützung
Relativ hohe Lebenszufriedenheit

Für zehn der elf Teilnehmerinnen konnte eine Vorher- Nachher- Auswertung des AVEM vorgenommen werden. In zwei Fällen traten die „reinen“ Muster S und A auf, dagegen waren ansonsten die Musterkombinationen A/B, A/G, S/B und G/A vorherrschend. Die Ergebnisse weisen Musterveränderungen für alle teilnehmenden Lehrerinnen auf. Hierbei handelte es sich überwiegend nicht um Wechsel zwischen zwei „reinen“ Mustern, sondern um Akzentuierungen der Musterkombination. In sechs von zehn Fällen zeigte sich nach Beendigung des Coachings eine Musterverschiebung zugunsten der Erhöhung von G- und S-Anteilen bzw. der Reduzierung von A- und B-Anteilen, in zwei dieser Fälle vollzog sich auch eine Entwicklung zu einem „reinen“ Muster G bzw. S. Für vier von zehn Teilnehmerinnen konnte keine bzw. eher eine ungünstige Entwicklung im Sinne einer Verstärkung von Risikoanteilen festgestellt werden (vgl. Tab.2).

Tab.2: Veränderungen der AVEM-Muster im Coachingverlauf

Fall

Muster vorher

Muster nachher


Fall

Muster vorher

Muster nachher

1
G/A
G

5
S/B
B/A/S
2
S/(B)
S

6
A/(B)
A/B
3
A
A/(G)

8
A/(G/B/S)
A/(B/G/S)
7
S
S/G

10
A/(G)
A
9
A/B
S/B




4
A/B
A/(B)




Unabhängig von den statistischen Ergebnissen wurde das Coaching von allen Gecoachten als persönlicher Gewinn erlebt. In der Rangfolge der Nennungen gaben sie als Gründe dafür eine bessere Selbstreflexion, mehr Selbstvertrauen, den besseren Umgang mit Konflikten, eine bessere Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, eine bessere Strukturierung des Arbeitsalltags, eine bessere Eigenfürsorge und das Gefühl sich fit halten zu können an. Die Gecoachten waren außerdem der Meinung, dass Coaching im Sinne der Fürsorgepflicht vom Dienstherren für alle Lehrer angeboten werden sollte.

Aus Sicht der HAW erwies sich Einzel-Coaching als geeignetes Instrument, um Lehrkräfte zum gesünderen Umgang mit beruflichen Anforderungen zu befähigen. Dies basiert unter anderem darauf, dass Coaching eine Verbesserung des psycho-mentalen Gesundheitsstatus und das Erlernen der Vermeidung von Gesundheitsrisiken im Arbeitshandeln ermöglicht.

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